Der Yoga-Markt in Deutschland

Das Interesse an Yoga wächst seit Jahrzehnten. Rund 6.000 Yogaschulen und -studios gibt es in Deutschland. Innerhalb der letzten fünf Jahre hat die Nachfrage nach Yoga-Angeboten sogar nochmal zugenommen. Das traditionsreiche Übungssystem schafft damit, was sonst kaum einem Gesundheits- oder Fitnesstrend gelingt. Doch woher kommt Yoga, wie hat sich Yoga über die Jahrtausende endwickelt und wie erkennt man gute Yoga-Anbieter? Shihan Geert Lemmens, der Yoga in Deutschland als einer der ersten etablierte, sprach mit der medical fitness & healtcare über genau diese Themen.

Anbieter von Yoga

52 % der untersuchten Yoga-Kurse sind Yoga-schulen, 37 % Fitness-Studios. Mehr als zwei Drittel aller Fitness-Studios bieten Yoga-Kurse an. Die beliebtesten Yoga-Stile in Yogaschulen sind Hatha (49 %), Ashtanga (15 %), Kundalini (13 %) – das ergab die kürzlich durchgeführe fitogram-Studie „Yoga-Markt in Deutschland 2016“.

Die Yoga-Ballungszentren

Düsseldorf ist Yoga-Hauptstadt, gefolgt von Frankfurt, Münster und Berlin. In absoluten Zahlen ist Berlin immer noch Yoga-Hochburg, in Relation zur Einwohnerzahl landet es auf dem vierten Platz. Bochum, Bielefeld und Duisburg belegen die letzten Plätze. In Hessen gibt es die meisten Yogaschulen und -studios, gefolgt von den Stadtstaaten Berlin und Hamburg (in Relation zur Einwohnerzahl). Auch Baden-Württemberg und NRW schneiden gut ab. Es gibt einige Yoga-Ballungszentren wie das Ruhrgebiet, Köln-Bonn, Stuttgart, den Raum Frankfurt-Mainz-Darmstadt sowie die Gebiete Nürnberg und Freiburg i. B. 

Interview mit Shihan Geert Lemmens

mfhc: Was versteht man unter Yoga?

Gert Lemmens: Um die Fragen zu beantworten, muss ich ein bisschen allgemein etwas zu Yoga sagen. Yoga, wie es heute angeboten wird, hat nichts mehr mit seiner ursprünglichen Form zu tun. Das Wort „Joch“ bedeutet verbinden – eigentlich das Gleiche wie das lateinische Wort religare, Religion. Religion ist anbinde, das heißt was bindet man an? Man bindet das persönliche Selbst an das universelle Selbst. Jetzt kann man das universelle Selbst verstehen wie man möchte, Ziel ist es aber in eine Harmonie zu kommen. Das Yoga war ursprünglich der Versuch dieses zu erreichen, also einen Zustand der Erleuchtung zu erreichen. Genutzt wurden dafür Meditationsformen, gewisse Übungen und Haltungen. Aber das moderne Yoga wie sich das evaluiert hat, ist hauptsächlich in unserer Gesellschaft zu einem körperlichen Yoga geworden. Nicht unbedingt ohne mentale Hintergründe, aber hauptsächlich hat Yoga eine körperliche Ausführung bedeutet. Das heißt Yoga hat sich mit Übungen aus der schwedischen Gymnastik und dem schwedischen Militär entwickelt und dieses Yoga ist das am meisten verbreitete zu dieser Zeit. Der westliche Mensch sucht auch meistens etwas Materielles, etwas Physisches. Ich denke es ist wichtig zu wissen, dass das Yoga von heute nicht das ist, wie es war, sondern es hat sich entwickelt.

Die Zahl der Yoga-Anbieter in Deutschland wächst seit Jahrzehnten. Wie erklärt sich die kontinuierlich steigende Beliebtheit dieser Lehre?

Ganz kurz geantwortet: Weil Yoga etwas Gutes ist und es angenommen wird. Jetzt gibt es natürlich Faktoren, welche diese Entwicklung gefördert und gefordert haben. Erst einmal gibt es zwei Schienen: Amerika und Europa. Am Anfang des Jahrhunderts und dem des 19. Jahrhunderts gab es bereits Jogis, die z. B. nach Amerika gekommen sind und gelehrt haben und da schon ziemlich Erfolg gehabt haben. Dann gibt es in Europa eine andere Schiene, wozu ich aber gleich kommen werde.

Eigentlich hat die Expansion des Yoga nach dem zweiten Weltkrieg angefangen und zwar bedingt auch durch Indiens Unabhängigkeit. Die Inder suchten nach Identifikation und fanden diese im Yoga. Dadurch ist es auch in Indien viel bekannter geworden, weil sich die Leute damit identifiziert haben und auch weil Leute aus dem Ausland davon gehört haben und nach Indien gekommen sind.

In Europa war das hauptsächlich eine Person, welche für die Verbreitung des Yoga verantwortlich war, André Van Lysebeth. Er ist in den späten 40ern nach Indien gereist und hat in vielen Yoga-Schulen studiert. Danach hat er es nach Europa gebracht und hat angefangen, Lehrer auszubilden. Er hat ein Dutzend Bücher geschrieben, hat hunderte Lehrer ausgebildet, wodurch Yoga seine eigene Dynamik bekam. Weiterhin wuchs die Popularität durch Indra Devi, geboren als Eugenie V. Peterson, welche in vielen Filmen mitgespielt hat, wodurch sich auch Stars wie die Beatles mit Yoga beschäftigt haben. 

Eben durch diese großen Multiplikatoren, aber auch dadurch, dass Hatha Yoga oder Yoga an sich eine sehr wirkungsvolle und gute Methode ist. Dadurch ist meiner Meinung nach diese explosive Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg zu Stande gekommen. 

Der nächste Schritt war es dann, dass viele Yogis aus Amerika nach Europa oder nach Indien gekommen sind sowie europäische Yogis nach Amerika und Indien gereist sind.

Sie waren in Deutschland einer der ersten, die Yoga angeboten haben. Was sind die markanten Unterschiede zwischen dem Yoga aus den 70er, 80er Jahren und dem heutigen Yoga?

Unterschiede sind die neuen Yogaformen, die dazugekommen sind. Die meisten sind für mich nicht zielführend, z. B. das Lachyoga oder Bikramyoga. Andere neue Formen sind gut, wobei diese meistens nur neu bezeichnet wurden. 

Wie erkenne ich einen guten Yoga Lehrer?

Im Yoga gibt es einen Spruch: „Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Lehrer.“ Diesen Spruch gibt es wirklich und ist bei mir so gewesen. Einen Yoga-lehrer zu erkennen ist sehr schwierig. Der Ruf einer Schule spielt eine sehr große Rolle, man muss sich umhören, was die Leute über bestimmte Lehrer sagen.

Welche Qualifikationen sollte ein guter Yogalehrer haben mit dem Hinblick jemanden einzustellen?

Das ist sehr schwierig. Ich denke, dass man da etwas differenzierter Vorgehen muss. Beispielsweise ist der Bund der Yogalehrer (BDY) kein endgültiges Kriterium über die Kompetenz eines Lehrers. Es kann eine Hilfe sein, aber ich kenne einige, die die Ausbildung gemacht haben und ich nicht empfehlen würde. Es gibt andere, die keinen Abschluss von der BDY haben, aber sehr gute Lehrer sind. Ein Kriterium ist wirklich, wenn es jemand in Indien in einer guten Schule gelernt hat, gute Schulen sind z. b. Iyengar, Pattabhi Jois, oder die Schule von Krishnamacharya, welche von seinen Söhnen weitergeführt wird, da dieser vor ein paar Jahren leider gestorben ist. Wenn Yogalehrer nachweisen können, dass sie dort gelernt haben, ist es für mich ein echt gutes Kriterium. Das als nicht-Fachmann zu beurteilen, ist aber verdammt schwierig. Wenn jemand in Indien etwas gemacht hat, dann hat er immer einen Nachweis. Ich habe zum Beispiel eine Bestätigung von Pattabhi Jois, von Raja Maso, von der Gernal Academy of Cadanor. Wenn man so etwas vorzeigen kann, dann ist es eine gute Vor-aussetzung. Dann muss man sich das ganze am besten zeigen lassen und als Schüler an einigen Kursen teilnehmen, auch wenn es Kosten mit sich bringt, um zu schauen, wie der Yogalehrer die Übungen vermittelt. Aber nur von einem Diplom ausgehend, das einen qualifizieren soll? Das gibt es im Berufsleben auch nicht.

Wie viel Idealismus darf sich ein Yoga-Anbieter leisten, wenn er mit seinem Angebot wirtschaftlich erfolgreich bleiben möchte?

Ich kann nur sagen: Mache es gut, sorge dafür, dass die Leute zum Erfolg kommen, qualifiziere dich selber, lebe es selber, vermittle das und dann nimm deinen Preis.

Wie wird sich Yoga voraussichtlich entwickeln?

Meiner Meinung nach ist es so wie bei den meisten anderen Sachen auch. Es wird eine Zeit des Wachstums kommen, es wird eine Zeit der Stagnation kommen und der Erhalt wird eventuell sehr lange andauern. Vielleicht wird es dann auch etwas zurückgehen. Aber schauen Sie, Yoga hält sich schon seit 5.000 Jahren und ist immer noch da. Ob es diese explosive Wirkung haben wird, wie es jetzt ist, das möchte ich bezweifeln, das wird sich abflachen. Es wird wohl möglich etwas zurückgehen, weil etwas Neues kommen wird. Aber ich bin der Meinung, es wird noch sehr lange bleiben.